Damit wir wieder den Kommunismus träumen können

 

Aus Anlass der griechischen Herausgabe des Buches von Bini Adamczak Kommunismus. Kleine Geschichte wie endlich alles anders wird hat die Übersetzerin ins Griechische, Sofia Kousiantza, ein Interview mit der Autorin geführt, die am 22.12.2013 in der Sonntagsbeilage "Enthemata" der Zeitung Avgi erscheint.

 

Sofia Kousiantza: Wann hast du das Buch geschrieben und was war deine Motivation?

Binz Adamczak: Im Jahr 2003 fand in Frankfurt eine internationale Konferenz mit dem Titel "indeterminate! kommunismus" statt. Ich hatte im Vorfeld ein Seminar zu den Frühschriften von Marx besucht und verfolgte den plan, eine wissenschaftliche Arbeit darüber zu schreiben, wie Marx Kommunismus konzipiert, aber vor allem auch ausgemalt hatte. Die gängige Lehrmeinung lautete, dass Marx zu diesem Thema mit Absicht geschwiegen habe – in Abgrenzung zum utopischen Sozialismus; die Durchsicht seines Werkes ergab aber, dass verstreut in verschiedenen Texten doch Hinweise darauf zu finden sind, wie eine kommunistische Gesellschaft aussehen könnte oder sollte -- von den Pariser Manuskripten bis zur Kritik des Gothaer Programms. Als ich die Arbeit aber niederschreiben wollte erlag ich einer Durchschreibeblock. Und eines Morgens, nachdem ich eine ganze Nacht lang wieder keine Zeile aufs Papier hatte bringen können, it struck me: über Kommunismus lässt sich nicht in einer wissenschaftlichen Sprache schreiben. Es lässt sich über Kommunismus, über den Traum von einem andere, besseren Leben, nicht ohne Begehren schreiben. Ab da ging alles sehr schnell, denn das Schreiben verschaffte Lust; in zwei, drei Sitzungen schrieb ich die Geschichte nieder. Dabei musste ich ebenso oft lachen wie die Freundinnen, denen ich sie vorzulesen begann. Die Kindersprache erfüllte ihren Zweck: in einer Zeit, in der die Hoffnung auf gesellschaftliche Öffnung, die sich mit der Antiglobalisierungsbewegung verbunden hatte, wieder zerstört worden war und die Ordnung des Endes der Geschichte durch 9/11 verstärkt bestätigt wurde, erlaubte der Kunstgriff des kindlichen das träumen. Bertolt Brecht hat mal gesagt, Kommunismus sei das Einfache, das schwer zu machen ist. Das Machbare war 2003 in weiter ferne, aber worum es ging, war, ihn überhaupt wieder vorstellbar zu machen. Kommunismus erschien so als das Einfache, das leicht zu wünschen ist.

 

S.K.: Hast du nicht befürchtet, dass die Kindersprache das Inhalt vereinfacht bzw. wichtige Details ausblendet? 

B.A.: Diese Gefahr besteht und ich war mir ihrer sehr bewusst. Ich bin selbst mit gesellschaftskritischen Kinderbüchern aufgewachsen, die versuchten soziale Ungerechtigkeit, sei es in Klassen- oder Geschlechterverhältnissen, für Kinder aufzubereiten. Die siebziger Jahre waren diesbezüglich --antiautoritäre Pädagogik etc-- ja sehr fruchtbar und ich hatte auch Zugang zu Kinderbüchern aus der DDR. Bei einigen dieser Geschichten fällt auf, dass sie gesellschaftliche Verhältnisse personalisieren. Ich hatte zum Beispiel ein Bilderbuch, dass die Geschichte von Riesen und Zwergen beschrieb: die Zwerge repräsentierten die Arbeiterinnen, die Riesen waren faule Kapitalistinnen. Kapitalistische Verhältnisse erscheinen so als Ausdruck des bösen Willens schlechter Charaktere, fauler, geiziger, machtgieriger Menschen, die im Märchen dazu passend auch hässlich aussehen. Es gibt eine lange Tradition der personalisierenden Kapitalismuskritik, die oft antisemitische Züge trug: hinter dem abstrakten Kapital steckt eine Verschwörung von Juden, vor allem Bänkern, die ehrlichen Arbeiterinnen und Unternehmerinnen aussaugen. Diese Tradition ist in Deutschland besonders stark, aber sie ist weit gereist und sucht auch die internationale Linke immer wieder heim (persönlich ist sie mir vor kurzem in den USA begegnet). Insofern war es mir wichtig, das Kapital als ein gesellschaftliches Verhältnis zu erklären, weswegen ich in das Zentrum der Darstellung die Verdinglichung gesetzt habe. Die Menschen schaffen selbst die Verhältnisse, unter denen sie leiden – deswegen können sie sie aber auch kollektiv ändern. In meinem Kinderbuch gibt es keine bösen Subjekte -- selbst die Topfmenschen (die bürokratische Elite des Realsozialismus) und noch die Fabriken haben unterschiedliche Seiten: sie haben Gefühle und manchmal weinen sie auch. Natürlich nimmt das Buch dennoch Verkürzungen vor, vieles wird nicht wirklich thematisiert: das Geld, die Klassenverhältnisse, der Staat; anderes kommt kaum vor: Grenzregime, Krieg usw. Aber das wäre vermutlich auch in einem Theoriewandel auch der Fall!

 

S.K.: Das Buch ist in Kindersprache geschrieben. Geht es aber wirklich hier um ein Kinderbuch? Wie alt sind durchschnittlich die deutschen Leserinnen?

B.A.: Das Buch wird auch von Kindern, von jungen Jugendlichen gelesen. Ich habe Zuschriften von Neunjährigen bekommen und habe Freundinnen, die ihren Kindern das Buch vorlesen oder es ihnen geben (ein Kapitel pro Abend) sobald die anfangen, die schwierigen Fragen zu stellen: Mama, was heißt das, Kapitalismus? Warum musst du arbeiten? Was ist die Krise? Aber die Mehrzahl der Zuhörerinnen in den Buchpräsentationen sind Erwachsene, jüngere Erwachsene zumeist, die in einer halb-distanzierten Haltung zur Kindersprache stehen, sie erinnern sich, sie genießen, schmunzeln, lachen.

 

S.K.: Warum weibliche Form im Buch? 

B.A.: Wenn Autorinnen eine männliche Form verwenden kriegen sie selten die Frage gestellt: warum nur Männer? Wenn doch, sagen sie: "es sind doch alle gemeint". Sagen wir also das Gleiche: es sind alle Leserinnen angesprochen, auch solche, die sich für Männer halten. Die weibliche Form, ein feministischer Universalismus in strategischer Absicht, erlaubt es, Geschlechterverhältnisse mit zu thematisieren ohne sie explizit ansprechen zu müssen. 

 

S.K.: Wie könnte man den Kommunismus heutzutage beschreiben? Ist Kommunismus ein Ziel oder eher ein Weg für dich? Und wenn ein Weg/Perspektive, wohin?

B.A.: Meine Forschung zu Kommunismus hat gezeigt, dass die Vorstellung von "einem" Kommunismus irreführend ist. Es hat in der Geschichte unterschiedlichste Definitionen, Bilder, Konzepte, ideale, Pläne von kommunistischen Modellen gegeben. Einige davon werden im Buch genannt und praktisch durchgespielt. Es gibt zu jeder Zeit unterschiedliche Fraktionen, die Verschiedenes wollen oder auch nur verschiedene Aspekte des Gleichen in den Vordergrund rücken -- geht es mehr um die Abschaffung der Armut oder mehr um die Selbstverwaltung der Produktion? Soll der gesellschaftliche Reichtum vergrößert werden oder die Arbeitszeit gesenkt? Teilweise lassen sich die verschiedenen Modelle von Kommunismus historisch anordnen -- in Petrograd 1917 wurde darunter etwas sehr anderes verstanden als in Paris 1968. Aber es wäre auch falsch, hier eine unilineare Entwicklung des Fortschritts --hin zu einer immer vollkommeneren Version des Kommunismus-- zu sehen. Die Frage, was Kommunismen heute sind, ist also nicht einfach geradlinig zu beantworten. sicher jedoch ist, dass gegenwärtige wie zukünftige versuche, die kapitalistische Gesellschaft zu überwinden, sich Rechenschaft über die vorherigen Versuche ablegen müssen, um deren Fehler nicht zu wiederholen. Denn das Erbe dieser Vergangenheit trägt schwer.

 

S.K.: Das ist aber keine positive Betrachtungsweise, sonder eine negative: was Kommunismus nicht ist bzw. wie Kommunismus nicht zu betrachten ist. Glaubst du wir können den Begriff nicht positiv definieren, oder wir können schon einige grundlegenden Elemente einer kommunistischen Gesellschaft nennen? 

B.A.: Nun, du hast Recht, die Tradition der Negation –was Kommunismus sei könne oder dürfe nicht gesagt werden, sondern nur, dass er die Antithese zum Kapitalismus darstelle-- ist eine sehr starke, vor allem im Marxismus, der sie teilweise, mit der Formulierung eines Bilderverbots, zu einem regelrechten Dogma erhoben hat. Obwohl ich im Buch mit dieser Tradition, in Form der kritischen Theorie der Frankfurter Schule, stark arbeite, versuche ich auch über sie hinaus zu gehen, auch in Form einer immanenten Kritik und mit überraschender Unterstützung von Theodor Adorno (einem der prominentesten Fürsprecher des Bilderverbots). Libertäre wie Gustav Landauer, aber auch kritische Marxisten wie Karl Korsch haben schon vor fast 100 Jahren gesagt, dass es ein großes Problem darstellt, wenn Kommunistinnen Kommunismus nur negativ definieren: Abschaffung des Privateigentums, Absterben von Staat und Familie, Aufhebung des Wertgesetzes, Beendigung der Ausbeutung usw. Darunter kann sich niemand etwas Rechtes vorstellen, weswegen sich diese bestimmte Negation schwer begehren lässt, aber eben auch schwer machen lässt, sowohl in der Gegenwart als auch in der möglichen Zukunft einer revolutionäreren Situation (in der für diese Fragen kaum Zeit bleibt). Dann gibt es auch keinen kritischen Maßstab, an dem sich die tatsächliche revolutionäre Politik messen lässt, keine gemeinsame Vorstellung, die sich debattieren und auf die sich einigen lässt -- die aber auch wieder in Frage gestellt und erweitert werden kann. Kurzum, ich sage nicht, dass der Kommunismus nicht näher bestimmt werden kann. Jede Bestimmung wird umstritten sein. Sie ist schwierig, aber auch notwendig.

 

S.K.: Trotzdem hast du meine Frage noch nicht beantwortet: wie würdest du denn den Kommunismus bestimmen? Oder vielleicht kann man ihn nur dann positiv bestimmen, wenn sich die Negation erst realisiert hat? Aber jede Abschaffung und jede Aufhebung produziert immer einen freien Raum, der sofort bzw. sogar automatisch von einer neuen (?) Situation besetzen lässt. Also wie sollen wir uns dieses Neue vorstellen, deiner Meinung nach?

B.A.: Ich stimme dir zu. Es wäre fatal, auf die Negation warten zu wollen. Zum einen ergibt sich die Position nicht automatisch, sondern es lassen sich --wie es im Epilog des Buches heißt-- von jedem Abzug mehrere negative machen, zum anderen ist es dann bereits zu spät. Die Idee, dass eine kommunistische Bewegung zuerst die Staatsmacht erobern müsse um dann zu überlegen, was sie damit macht, hat sich historisch aufs grausamste blamiert. Sie endete im Staatsterror damit habe ich schon eine von meiner Meinung nach drei Möglichkeiten gewählt, sich einem positiven Bild des Kommunismus zu nähern -- durch die kritische Auseinandersetzung mit bisherigen Modellen und Versuchen. Eine weitere besteht im Aufsuchen von Bewegungen, die bereits in der Gegenwart über diese hinaus weisen, Keimformen einer emanzipatorischen Zukunft sozusagen. Aber auch die Möglichkeit, einfach spontan zu sagen, was mich hier stört und was ich stattdessen will, radikale Wunschpolitik in der ersten Person, halte ich für sehr begrüßenswert. 

 

S.K.: Der Kommunismus hat schon ein schweres Erbe; was wäre, deiner Meinung nach, der entscheidende Unterschied für eine wirklich emanzipatorische kommunistische Bewegung heute? 

B.A.: Versuchen wir eine Mischung: kommunistische Bewegung kann nicht länger heißen, dass eine Partei, noch dazu eine hierarchische, autoritäre, die Staatsmacht erobert und in dem Glauben, das Beste für die Menschen zu wollen, die Entwicklung der Produktivkräfte vorantreibt. In diesem Bild kommen die Menschen nur als Konsumentinnen vor, die repräsentiert werden, nicht als Handelnde, die ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen. Die leninistisch-stalinistische Position, dass der gute Zweck die schlechten Mittel legitimiere, ist historisch widerlegt: tatsächlich haben die schlechten Mittel den guten Zweck delegitmiert. Die kommunistische Bewegung sollten wir uns stattdessen als auch widersprüchlich und kompliziert vorstellen -- Koordination der Initiativen von unten, in der die Menschen die Macht über ihr Leben bekommen. Allerdings nicht als vereinzelte Individuen, die ihre negative Freiheit gegeneinander realisieren, sondern als kooperierende, sich verbindende. Letzteres ist eine Lehre, die sich auch der weltrevolutionären Welle von 1968 ziehen lässt. Während die weltrevolutionäre Welle von 1917 auf die Staatsmacht und die Gleichheit fokussierte und den negativen Effekt von Homogenisierung und Totalisierung hervorbrachte, wurde mit 1968 auf das Subjekt und die Freiheit fokussiert. Beides mal zu schnell in Vergessenheit geraten ist das, was ich heute ins Zentrum rücken würde: die Solidarität. Es geht zuerst weder um die Umwälzung des großen Ganzen noch um die Erschaffung des neuen Menschen, sondern um die Veränderung der Beziehung, um die Schaffung solidarischer Beziehungen. In solchem Miteinander verbunden können die Menschen ihre Geschichte zusammen zu einem großen Teil selbst machen: das zum Beispiel heißt Kommunismus.

 

S.K.: Wie siehst du die rolle Deutschlands in der Krise? In Deutschland wird oft gesagt, dass das Land “gut” durch die Krise gekommen ist. Das ist sogar im Grunde sowohl die Argumentation der Linken wie auch der Rechten/Konservativen: für die Linken bedeutet das allerdings, dass es deswegen so schwer ist, die Leute in Deutschland zu mobilisieren und auf die Strasse zu bringen. Ähnlicherweise --und gleichzeitig andersrum-- bedeutet das für die Konservativen , dass die Merkelsche Regierung alles richtig gemacht hat -- die Bestätigung: 41,5% der Bevölkerung hat die CDU gewählt. 

B.A.: Nationalismus war immer schon eines der gefährlichsten Gifte für die Linke. Sie ist 1914 (mit der Bewilligung der Kriegskredite) fast daran krepiert und 1939 (mit dem Hitler-Stalin Pakt) noch mal. Einer der schönsten Sätze über Kommunistinnen aber lautet, dass diese kein Vaterland haben. Ihre Sympathie und ihre Solidarität kennt keine Staatsgrenzen. Wie wirkmächtig jedoch das nationale Konstrukt ist, erkennen wir daran, wenn Linke in Deutschland sagen: "uns geht es ja noch ganz gut". Uns? Uns Europäerinnen? Uns Arbeitnehmerinnen? Uns Produktionsmittelnichtbesitzerinnen? Nach der deutschen Bundestagswahl zeigte nationalistischer Zynismus ein weiteres Mal seine hässliche Fratze, von der sich aber fast niemand mit Ekel abwendete. Steinbrück, der gerade geschlagene Kanzlerkandidat der SPD, sagte, die SPD hätte stolzer sein sollen auf die von ihr durchgesetzte Agenda 2010, denn diese vor allem hätte Deutschland gut durch die Krise geführt. Richtig! Auf dem Rücken der Arbeitslosen und auf dem Rücken der Arbeitenden in Europa, jenen in Deutschland wie jenen in Frankreich, Spanien, Griechenland. Die sozialdemokratische Regierung hatte 2003 die Absenkung der Arbeitslosen- und Sozialhilfe durchgesetzt und damit den Druck auf die (vor allem niedrigeren) Löhne. Im Interesse der europäischen, vor allem aber der deutschen Bourgeoisie. 

Ich war gerade in Marseille, Frankreich, und habe mich auch dort von den desaströsen Effekten dieses Modells Deutschland überzeugen können. Die Gewerkschafterinnen sagten zu uns: wir bekommen von den Medien immer wieder die deutschen Gewerkschaften als Vorbild vorgehalten, sie seien so vernünftig, so seriös, so kompromissbereit. Die Arbeiterinnen (der besetzten Teefabrik fralib) sagten uns, sie bekämen immer wieder die niedrigen Löhne (bei hoher Produktivität) in Deutschland vorgehalten. Wir haben eine Demonstration gegen eine von der sozialistischen Regierung Hollande beschlossenen Rentenreform besucht, die ebenso am Modell Deutschland orientiert ist wie die Spardiktate der Troika in Griechenland. Die nationalistische Standortkonkurrenz, welche von deutschen Gewerkschaften und Arbeitenden immer wieder mitgetragen und gestützt wurde, hat desaströse Effekte auf die Solidarität, wie auf das Wohlbefinden der Menschen.

  

 

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  ΧΡΟΝΟΣ 09 (01.2014)