Der Türgriff im Blumentopf

 

Vassilis Amanatidis

 

Übersetzung: Birgit Hildebrand
[Aus dem Band «(Ihr) Weinen», Nefeli Athen 2014]

Die Erzählung auf Griechisch finden Sie hier 

Β. Αμανατίδης (φωτ. Πάνος Μιχαήλ)

(Photo: Panos Michail)

 

WOHNUNG 3241

 

— Was haben wir also heute gelernt?

— Dass wir bis auf weitere Anweisung nie aus dem Haus gehen …

— Warum?

— Weil es draußen nur Tag ist, weil es wahnsinnig heiß ist, weil es das Unkontrollierbare gibt …

— Was bedeutet das Unkontrollierbare?

— Es bedeutet, dass jeder, der rausgeht, davon ergriffen wird.

— Warum?

— Das wissen wir nicht. Bis auf weitere Anweisung.

— Was lernen wir daraus?

— Dass wir immer Schlafanzüge tragen müssen, damit wir uns an den Schlaf gewöhnen und nicht hinaus wollen, so sind wir davor geschützt.

— Demnach?

— Rettet uns der Schlaf.

— Wie lange?

Bis auf weitere Anweisung.

— Also …

— Bis man es uns im Fernsehen sagt.

— Bravo, mein Junge. Du weißt ja, was mit deinem Vater passiert ist, als er hinausging …

— Ja.

— Und wir nehmen die Schlafmaske nicht einmal in der Wohnung ab, außer …

— … wenn es absolut notwendig ist.

— Ihr nach dem Verbot Geborenen könnt euch glücklich schätzen. Ihr habt keine Erinnerungen mehr an Nähe. Komm, sag jetzt dein Gebet …

— Was fliegt eigentlich da so herum, Mama?

— Ach, das ist ein Glühwürmchen! Dass es die noch gibt! Wie ist es denn durch die geschlossenen Fenster gekommen?

— Vielleicht aus der Erde im Blumentopf?

— Das kann nicht sein … Aber diese Erde im Blumentopf ist schön … Komm, jetzt ist es genug, du hast es gesehen. Setz die Maske wieder auf. Und sag dein Gebet, mein Junge, ich höre dir zu …

 

 

Die Maßnahmen sind vor acht Jahren getroffen worden. Anfangs wurden sie durchs Fernsehen verbreitet. Sie beinhalten Folgendes: Aufenthalt nur in der geschlossenen
Wohnung, Vermeidung von Zusammenkünften im Freien.
Optimismus, und heruntergelassene Jalousien zur Erzeugung einer künstlichen Nacht. Schwarze Vorhänge. Gedämmtes oder ausgeschaltetes Licht als Ersatz für die
Nacht. Häufige Einnahme von Kamillentee zur Beruhigung, Nachtkleidung, Schlafmasken. Die Bemühung, den Türen fernzubleiben. Das Wort „Tür“ gilt ab sofort als nahezu verboten. Die neuen offiziellen Wörterbücher enthalten es nicht. Die Leute gebrauchen es allerdings.

 

 

WOHNUNG 523

 

Sie nahm kurz die Schlafmaske ab und las den Brief auf dem Bildschirm. Mit einem erleichterten Seufzer legte sie sie dann wieder an: erneut Dunkelheit. Sie setzte sich sofort hin, um ihm zu antworten:

„Hör“ mich an. Wenn ich zur Tür gehe, überkommt es mich möglicherweise auch, hinauszugehen … Aber ich tue es nicht, so sehr es mich dazu drängt. Nein, das ist überhaupt nicht weise. Man sollte einfach nicht so nahe an die Wohnungstür gehen. Hast du das jüngste Verbot gehört? Bestimmt ist das Arbeitskommando für die Demontage bei dir vorbeigekommen … Hast du dich gefreut, dass du jemanden gesehen hast? Ich habe mich so gefreut … Obwohl er einen Schutzanzug aus Blech trug. Und obwohl sie alle Türgriffe abgeschraubt und mich eingesperrt haben. Ich hoffe, du hast keinen zweiten Türgriff oder Schlüssel behalten, aber das schließe ich aus – die finden ja alles mit diesen speziellen Apparaten. Sie heißen Schlüsselvertilger, aber sie finden auch Türgriffe. Im Fernsehen heißt es, die Strafe für das Verstecken eines Türgriffs sei fürchterlich. Also, ich sage es dir noch einmal, Antonius: Versuche dich zu beruhigen. Es hat keinen Sinn, sich dem zu widersetzen, was vor sich geht …

 

Die Mail von Antonius war wieder voll absurder Ideen gewesen. Er schrieb ihr, er wolle heute auf die Straße hinausgehen, Schluss und aus. Egal, was geschehe. Er ertrage es einfach nicht mehr, absolut nicht. Er wolle zu ihr … In den letzten Jahren habe ihn der Gedanke an sie nicht mehr schlafen lassen. Er wolle, dass sie sich wieder liebten, damit er sich wieder an ihren Körper erinnern könne.

Wieder ein psychotischer Schub? Wie konnte sie ihn zur Vernunft bringen? In der letzten Woche hatte sie alle Mühe gehabt, ihn davon zu überzeugen, dass seine Idee, sie sollten sich im Park treffen, in aller Öffentlichkeit, draußen, am helllichten Tag, wider jede Vernunft sei. Ein Rendezvous? So etwas Wahnsinniges hatte sie seit Jahren nicht gehört. Nicht einmal von ihm, der nach ihrer Erinnerung schon immer ein Bauchmensch gewesen war. Und dennoch hatten ihn neun Jahre Warnungen und Verbote nicht ändern können …

Sie überlegte kurz, wie sie den Brief fortsetzen sollte. Ein hartnäckiges Insekt prallte immer wieder gegen die Schlafmaske, aber sie nahm sie nicht ab, um das Tier zu sehen. Sie schlug heftig gegen den schwarzen Stoff, nahm dann das zerquetschte Ding zwischen Daumen und Zeigefinger und warf es weg.

 

Wie kann ich denn sicher sein, schrieb sie, dass ich niemandem auf der Straße begegne, wenn ich hinausgehe? Einem verwegenen Irren etwa, der sich hinausgewagt hat, weil er es nicht mehr aushält. Und wer sagt mir, ob dieser Irre nicht weiter unten auf zwei, drei andere trifft. Und wenn sie sich zusammenrotten und es zu einem Angriff kommt? Wenn sie das Unkontrollierbare überfällt? Oder es mich selbst ergreift, sobald ich rausgehe? Es ist nicht genau bekannt, wodurch es hervorgerufen wird. Wir sind schließlich gewarnt … Ich will ja eigentlich auch hinaus, Antonius, glaub mir. Wenn ich nur einen Schutzanzug in meiner Größe hätte. Aber ich gehe nicht hinaus, weil ich keinen bekommen kann.

Ach ja, ein letztes noch – sie haben es im Internet angekündigt, wenn auch noch nicht im Fernsehen. In ein paar Tagen kommt ein Arbeitskommando durch die ganze Stadt (im Ausland ist das schon geschehen). Die sollen für jede Wohnung Erde austeilen, und einen Blumentopf. Vielleicht geben sie uns Erde, weil uns die Natur fehlt, bei diesem Eingesperrtsein? Und weil sie sich um uns sorgen? Denk an … Aber der Blumentopf? Möglicherweise bringen sie uns im nächsten Monat auch Samen mit – damit etwas wächst! Das wäre schön …

Und mach dir keine Sorgen, wir haben doch uns. Ich werde dir nämlich noch viele Briefe schreiben, und du schreibst mir … Liebster, was willst du mit diesem Treffen? Und nicht vergessen: Nimm die Schlafmaske nicht zu oft ab! Schreib mir immer in Blindschrift, so ist es sicherer.

Ich küsse dich wie in allen Nächten zusammen,

deine Kleopatra.

 

 

Vor neun Jahren hatte es nach und nach immer weniger Nacht gegeben. Von der nördlichen Hemisphäre aus hatte der immerwährende gleißende Sonnentag seinen Einzug gehalten. Eine sengende Sonne, ständig, glutheiß. Innerhalb von drei Jahren hatte er auch die südliche Hemisphäre erobert. Gleich darauf war zu beobachten, was sich schnell bestätigte: Jeder gemeinsame Aufenthalt an Orten außerhalb der Behausung führte zu einer Welle schrecklicher Gewalt. Wer das Verbot missachtete und hinausging, provozierte grundlose Attacken und Vandalismus. Die Menschen brachten sich gegenseitig um. Sie schlugen auf alles ein, was sich bewegte. Sie brüllten: „Da ist es …!“

 

 

WOHNUNG 18342

 

Meine liebe Galatea,

es geht schon so viele Jahre, und ich habe mich immer noch nicht an deinen neuen „Namen“ gewöhnt … Doch ich befolge die Anweisungen. Ich will die Sehnsucht nach dir nicht noch damit vergrößern, dass ich dich mit dem richtigen Namen anspreche. Aber du hast mir gestern nicht geschrieben, und vorgestern auch nicht. Na ja, das macht nichts. Irgendwann wirst du mir doch schreiben?

Folgendes gibt es zu berichten: Gestern hat mir das Arbeitskommando den Blumentopf mit der Erde gebracht. Alle in Schutzanzügen aus Blech, sie sahen aus wie die alten Ritter. Sie sagten, ich sollte die Erde jedes Mal vor dem Schlafengehen anfassen. Das würde mich beruhigen. Ich glaube ihnen nicht. Ich denke, sie tun es, um in den Häusern auf längere Sicht das Problem mit den Toten zu lösen. Das jetzige Begräbnissystem führt zu unnötigen Transporten und hohen Ausgaben. Ich nehme an, sie planen ein System des Selbstbegräbnisses – ich habe gewisse Informationen von meinem Sohn in New York bekommen. Dort spielt sich das Gleiche ab. Sie haben gesagt, sie würden in einer Woche einen zweiten Blumentopf mit Erde bringen, und später noch einen. Ich werde sie enttäuschen. Ich bin bald siebenundsechzig, aber ich habe vor, noch dreißig Jahre zu leben. Da werden sie noch viele Wege machen müssen …

Gottseidank funktioniert die Klimaanlage. Die Sonne draußen ist unerträglich, und das Blech am Haus bietet nicht genügend Schutz. Aber ich meide die Schlafmaske, ich habe es satt zu schlafen. Wenn es nur ein bisschen Nacht gäbe … Wenn ich sie auf meiner Haut spüren könnte wie weiche Kohle, wenigstens aus der Ferne … Nacht ist jetzt für mich nur noch dein richtiger Name. Ich spreche ihn aber nie aus. Ich halte ihn in mir verborgen und schwarz wie Kaviar. Aber beim Einschlafen denke ich daran, und das erzeugt bei mir von tief unten eine wunderbare Dunkelheit. Nur dann kann ich sagen: „Jetzt ist es Nacht!“ und die Augen zumachen und schlafen. Aber weißt du, ich schreibe keine Gedichte mehr, Galatea

Gestern habe ich wieder auf das geschlossene Geschäft an der Ecke hinuntergeschaut. Es ist immer noch ringsum mit Blechen verrammelt – wie die gesamte Stadt. Ist das nicht komisch? Sie stammen noch aus der ersten Zeit, als man die Waren in den Schaufenstern vor den brutalen Überfällen der Menge schützen wollte und vor denen, die gegen die Ausgangssperre verstießen. Damals wuss-te man nicht, wie lange das anhalten würde. Du warst noch sehr jung. Weißt du noch? Denk nur, was es dort alles gab: Schuhe, Kleider, Bade-anzüge an Kleiderpuppen, Tabletten, Deodorants, Diamanten, Kartoffeln. Was für einen Sinn hat es, dass sie weiter so dichtgemacht sind? Ob sie nun ganz sind oder kaputt. Verborgene Schaufenster, wie Koffer von Ermordeten.

Hinterher brachten sie auch an den Häusern Blechplatten an – sie behaupten, keiner wüsste, was ohne sie aus uns werden würde … Dass sie uns vor der Sonne und vor deren Gewalt schützten, dass wir uns sonst sogar in den Häusern gegenseitig umbrächten. Aber glaubst du ihnen? Ich wundere mich, dass sie keine Möglichkeit gefunden haben, auch an uns Schutzanzüge auszugeben … Die Bestände sind angeblich erschöpft. Mit Schutzanzügen kämen wir ab und zu raus, es wäre eine Lösung. Ich vermute, sie wollen das gar nicht. Vielleicht haben sie etwas im Sinn. Und ich frage mich: Was würde passieren, wenn wir eines Tages alle die Häuser verlassen und mit einer Säge das Blech von den Fassaden holen und ganz schnell wieder verschwinden würden, um uns Schutzanzüge zu machen … Wieso haben die Leute von den Arbeitskommandos welche? Aber … ich rede Unsinn … kommunistischen Bockmist. Ach was, wir kämen ja gar nicht so weit. Sobald wir uns hinausgewagt hätten, würden wir übereinander herfallen und uns zerfleischen, oder? Das Unkontrollierbare!

Denn durch Zufall habe ich es selbst gesehen … Als ich gestern zur Ecke schaute, sah ich eine Verrückte herauskommen. Ja, sie rief auch: „Da ist es!“ Was kommt eigentlich über die Leute? Was sehen sie? Als ob sie, wenn sie so leichtsinnig sind und hinausgehen, nichts anderes äußern könnten als das. Eine Autosuggestion, an der Grenze zur Halluzination, denke ich – wir haben das doch schon so oft im Fernsehen gehört. Sie fasste die Blechplatten mit ihren bloßen Händen an und streckte sie dann verbrannt in die Sonne. Aber neben ihr war noch ein kleines Mädchen, das kroch auf allen Vieren … Wer es wohl hinausgelassen hatte, ob es ihr eigenes war? Es hatte Schaum vor dem Mund. Plötzlich fiel es über die Frau her und begann sie zu beißen. Anfangs ließ sie es gewähren. Dann ging sie zum Angriff über. Ich möchte dir lieber nicht mitteilen, was sich abgespielt hat. Es blieben nur Fetzen übrig.

Geh bloß nie hinaus. 

Gerade freue ich mich, wir haben nämlich Mieterversammlung auf der Terrasse. Hoffentlich sind in dieser Woche alle da. Wir essen wie jeden Sonntag schwarzen Kaviar und hören Musik. Ihr doch auch, oder? Und vergiss nicht, mir zu schreiben, wenn du kannst. Wenn. Bis dahin schaue ich mir auf dem Bildschirm dein Foto an. Ich bin dir so dankbar, dass du es mir letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hast! Ich habe dein Gesicht mehrdimensional formatiert. Wenn ich mich jetzt bewege, dreht es sich mit und sieht mich an. Morgen formatiere ich auch den Mund so, dass er sich bewegt. Schreibe mir doch, was er sagen soll. Ich will auch eine Stimme einstellen – soweit möglich. Die soll wie ein frischer Wind in einem blühenden Kirschbaum klingen. Während der Nacht. Auf einer Wiese mit Glühwürmchen. (Und das ist sogar eine Tatsache: Seit einigen Tagen fliegt bei mir eines durch die Wohnung. Es sitzt an der Decke und blinkt ständig! Woher ist es gekommen? Sag mir, ist das möglich?)

Ich küsse dich wieder auf deine salzige Stirn,

Dein Pygmalion.

 

PS. Ich möchte mich schon seit einer ganzen Weile beklagen, Galatea, und nun habe ich mich entschlossen, es wirklich zu tun … Warum antwortest du mir denn nie? Ein ganzes Jahr lang hast du nicht geantwortet! Wenn du eine neue Mailadresse hättest, hättest du mir die doch gegeben? Sag, dass du nicht rausgegangen bist … So etwas Gefährliches würdest du doch nie tun … vielleicht hast du eine neue Mailadresse?

Übermorgen schreibe ich dir wieder.

 

 

Es gibt zwei Arbeitskommandos der globalen Regierung. Das eine zur Zerstörung von Schlüsseln und Türgriffen. (Die Türen werden nicht versiegelt, damit es kein Problem mit dem Verstoß gegen die Bürgerrechte gibt. Ohne Schlüssel und Türgriffe entsteht ohnehin bei allen das Gefühl der Versiegelung.) Das zweite zur Verteilung der Nahrung. Jeden Monat werden Vorräte in die Keller der Häuser gebracht: Wasserkästen, Toilettenpapier, Lebensmittelkonserven. Einige enthalten schwarzen Kaviar für das Sonntagsfest – am Versammlungstag. In letzter Zeit teilt ein Sonderkommando jedem Einwohner einen Blumentopf mit Erde zu. Weitere sollen folgen. Die genauen Gründe dafür sind nicht öffentlich bekannt gemacht worden.

 

 

WOHNUNG 799

 

Kleopatra, warum?

Zwei Blocks trennen uns. Nur. Aber du willst wieder nicht, dass ich dich sehe. Egal, was passiert. Ein Rendezvous. Oder dass ich komme. Was kann schon passieren? Was ist schlimmer als das? Zwei-,
dreimal. Wie oft habe ich es dir schon vorgeschlagen? Ein Rendezvous. So oft, und immer ein Nein. Wenn es wenigstens ein Telefon gäbe und ich dich hören könnte … Ich schreibe dir zum letzten Mal, es geht nicht mehr. Aber ich setze jetzt keine
Schlafmaske auf. Ich schreibe sehend, nicht in Blindschrift, es reicht. Stell dir vor, was ich vor kurzem gesehen habe:

Vorgestern war das neue Arbeitskommando da. Sie brachten den Blumentopf mit der Erde. Sie sagten, ich sollte sie anfassen, dann gingen sie wieder. Ich weiß nicht, warum sie uns Erde geben. Ich will es auch gar nicht wissen. Aber diesmal habe ich gesiegt. Ich sage dir wie. Gestern erst war das andere Kommando da, das für die Türgriffe, mit Verspätung. Sie haben alles abgeschraubt, alles durchsucht. Sie entschuldigten sich für die Verspätung, sagten, sie hätten eigentlich schon viel früher kommen müssen. Sie sagten, sie würden die Türgriffe und die Schlüssel einschmelzen. Für Schutzanzüge für uns, sagten sie. Ich glaube ihnen nicht. Gut, dass sie sich verspätet hatten und erst nach dem Blumentopf kamen.

Was du befürchtet hast, stimmt. Ich hatte vor, einen Türgriff zu behalten. Und ich habe ihn auch behalten, Liebste, und ihn versteckt. Ich habe ihn tief in die Erde versenkt. Im Blumentopf. Ich habe ihn zugedeckt, er ist nicht zu sehen. Ich habe gewonnen. Sie haben nicht alles gefunden, sie dachten es nur. Der Schlüsselvertilger kann nicht durch die Erde sehen. Vor zwei Monaten kam eine Mail, die wie ein Virus wirkte. Es war aber keiner. Darin stand: „Der Schlüsselvertilger kann nicht durch die Erde sehen.“ Also dachte ich mir, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, dann tue ich es. Was habe ich zu verlieren, wenn es nicht klappt? Was ist schlimmer als das hier? Es reicht. Und es ist auch nicht möglich, dass andere das nicht ebenfalls wissen, andere haben das sicherlich auch schon gemacht.

Ich habe den Türgriff im Blumentopf.

Jetzt. Ich sehe mehr, viel mehr.

Heute Morgen, um 09.28 Uhr, dachte ich, es ist mir egal, ich gehe raus. Ganz gleich was passiert. Es gibt überhaupt nichts, was passieren kann. Und so machte ich die Tür auf, und sie ging auch auf. Ich stieg die Treppe hinunter. Zweiter Stock, erster Stock, Erdgeschoss, ich machte die Haustür auf. DRAUSSEN. Aber dann versuchte ich, einen Schritt zu tun, und plötzlich bekam ich Angst. Versteh mich nicht falsch. Es war, als ob ich zum ersten Mal spürte: Es gibt so viel Draußen! Ich sollte besser nicht ganz hinausgehen und mich von dem Unkontrollierbaren überfallen lassen! Deshalb blieb ich unentschieden auf der Schwelle stehen und hielt mit der einen Hand die Haustür offen. Aber auch von da aus sah ich es, so halb im Licht: Wie in der Luft festhängend! Es flog reglos (Liebste, ich konnte es ganz genau sehen). Keine zwei Zentimeter groß. Augenlos, aber es schaute. „Was machst du hier mitten im Licht?“ fragte ich. „Es gibt für dich nicht den geringsten Grund, da zu sein. Und man bemerkt auch nicht, dass du leuchtest.“ Aber ich schwöre dir: Augenblicklich breitete sich um es herum eine kleine Dunkelheit aus, eine schöne, zehn Zentimeter große Nacht. Und innerhalb derer leuchtete es wunderschön. Daraufhin tat sich mein Mund ganz von selbst auf. Meine Zunge bewegte sich und ich hörte, wie ich etwas sagte. Ich sagte: „Da ist es!“

Ich hielt mir den Mund zu, tat den einen Schritt zurück. Das Unkontrollierbare! Wieder hinein, nur ganz schnell hinein! Ich drückte die Haustür fest zu. Meine Treppe. Nur hinauf, nichts als auf der Stelle wieder nach Hause, dachte ich, auf der Stelle nach Hause! Und ich raste hinauf … bis ich sie sah. Da, meine Tür … ich war wieder in meiner Wohnung. Aber es war mitgekommen.

Das Glühwürmchen hält sich in meinem Wohnzimmer auf.

Hast du auch eines? Oder nur ich?

Ich habe es jetzt gesehen, es ist genug. Und ich will mich retten, ich sehe keine andere Lösung. Ich schreibe dir, und es schaut mir dabei zu. Ich weiß, was es will. Denn es sieht mir ständig auf den Mund, es kreist ständig um meine Lippen. Hör zu, ich schreibe dir nun zum letzten Mal. Sei nicht traurig. Ich weiß jetzt, wo es Hoffnung gibt … Und es ist mir sehr eilig. Bevor ich den Brief beende, habe ich noch drei Dinge zu tun.

Erstens: Finger in die Steckdose bei offenem Hauptschalter. So ist es am besten, Liebste, das ist die Lösung. Es kreist ständig um meinen Mund. Hinterher kriecht es mir auch in den Mund, anders kann es nicht sein. Und dann immer weiter nach unten. Ich gewähre ihm Wohnraum. Dort ist es dunkel. Wie lange leben Glühwürmchen wohl? Ich möchte, dass es bis zu seinem Tod Nahrung findet … Ich werde mich vor ihm zersetzen! Ich schenke ihm eine Wohnung. Und es kann dort richtig schön leuchten, wie ein Messias.

Zweitens: Ich nenne uns beim richtigen Namen. Bald, sehr bald. Und ich bitte dich um Verzeihung, dass wir uns alle die Jahre lang nicht geliebt haben …

Es wird noch etwas passieren. Das hoffe ich. Der Türgriff im Blumentopf. Es kann nicht anders sein, er wird wachsen. In der Erde. Vielleicht erst nach einer Weile. Nach und nach eben. Es ist nicht ausgeschlossen, er wird wachsen. Eine Tür!

Jetzt muss es schnell gehen. Ich liebe dich, Maria, du wirst mir fehlen, ich bin immer bei dir. 

Eine Umarmung, für immer

Dein Kostakis

 

 

Ein gesetzlich erlaubter Kontakt aus der Nähe: das Zusammenwohnen. Notwendige Voraussetzung für die Legalität: dass keiner hinauskommt. Einziger gesetzlich erlaubter Tele-Kontakt: Digital, ohne Mikrophon. Vor drei Jahren wurde die generelle Einstellung des Telefonierens beschlossen, damit kein größeres Bedürfnis nach Kontakt zum Körper der jeweiligen Stimme entstehen sollte. Für den digitalen Kontakt gilt folgendes: Um den Vergleich mit der alten Zeit der Nähe zu vermeiden und zum Abbau von Rührung und Nostalgie ist der Gebrauch des echten Namens verboten. Stattdessen ist der Gebrauch eines Pseudonyms vorgeschrieben. Für das Zusammenwohnen gilt Folgendes: Die zusammen Wohnenden dürfen sich nur in Ausnahmefällen berühren, an Festtagen und zu vorbestimmten Daten der Reproduktion.

 

 

WOHNUNG 3241

 

— Also, jetzt sag dein Gebet. Komm schon: Schlafmasken

Schlafmasken tragen wir jeden Tag,

die schwarzen Vorhänge bleiben zu,

Kaviar sonntags für den, der ihn mag,

und reichliche Vorräte immerzu.

— Bravo, mein Junge. Heute hast du es schön aufgesagt.

— Und wie spät ist es jetzt, Mama? Zeit zum Schlafengehen?

— Nach zwölf. Wir gehen früh schlafen, morgen hast du Geburtstag. Dann kommt auch die falsche Tante von oben zu Besuch …

— Darf ich den guten Schlafanzug mit den Monden anziehen, so dass ich darin aufwache … ja? Aber können wir heute nicht zusammen schlafen, Mama? Ich hab doch Geburtstag …

— Ja, heute ist es erlaubt.

— Mit Umarmung?

— Ich weiß nicht … es darf nicht zu viel werden ... damit du dich nicht daran gewöhnst.

— Nur heute, ich hab doch Geburtstag …

— Warum muss denn dieses Glühwürmchen unbedingt leuchten? Zieh die Schlafmaske ganz fest zu! Und pass auf, dass du beim Schlafen nicht vom Hinausgehen träumst, ja? Bis auf weitere Anweisung. Komm, mein Junge, heute umarmen wir uns. In zwei Monaten habe ich auch Geburtstag …

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  ΧΡΟΝΟΣ 28 (08.2015)