auch um den Preis unseres Lebens ...

 

Die schweigende Mehrheit und manch andere Komponente
haben der nazistischen Goldenen Morgendämmerung in Griechenland
freie Hand gelassen, ihr Ei ungestört auszubrüten
und Grundrechte mit den Füßen zu treten.
Seit jeher demokratisch sensibilisiert, denkt die Schriftstellerin
Maro Douka besorgt darüber nach, wie es dazu kommen konnte.

 

MARO DOUKA

Übersetzung: Andrea Schellinger

Leicht gekürzte Fassung
der Erstveröffentlichung auf www.chronosmag.eu (4. August 2013)

 

Dass die Goldene Morgendämmerung, derzeit parlamentarisch vertretene Partei, beabsichtigte, im August 2013 bei einem dreitägigen Festival im Hafenpark von Kalamata die Abschaffung der Demokratie zu feiern – genauer gesagt: den Jahrestag des Putsches vom 4. August 1936 durch General Ioannis Metaxas und dessen anschließende Diktatur -, war keine Nachricht, die mich hätte aufrütteln können. Aufgerüttelt hat mich vielmehr die Tatsache, dass die zuständige Dienststelle zunächst einmal die erforderliche Genehmigung dafür erteilt hatte. 

Auch hat es mich nicht aufgerüttelt, dass nach Protesten der Antifaschistischen Initiative Kalamata diese Genehmigung wie selbstverständlich und unumgänglich rückgängig gemacht wurde. Allerdings bezog sich die Rücknahme „argumentativ“ auf die Feier des 4. August, als handele es sich um eine schlichte parteipolitische Veranstaltung. Was sollte damit vermittelt werden? Vielleicht, dass es im demokratischen Kontext legal sei, einen Jahrestag zur Abschaffung der Demokratie öffentlich zu begehen? Am Ende verwies man in fast entschuldigendem Ton darauf, dass der Termin in die touristische Hochsaison falle (war etwa am 20. Mai, dem Termin des Genehmigungsbescheids, nicht bekannt, dass im August touristische Hochsaison ist ...?) und am besagten Ort in eben diesem Monat jegliche Veranstaltung untersagt sei. 

Kann es denn sein, dass eine Intoleranz-Veranstaltung wie die der Goldenen Morgendämmerung vergleichbar ist einem antirassistischen Festival, bei dem es um die Achtung des Andersartigen, des Fremden und Entwurzelten geht? Abgesehen davon, und ich scherze nicht, könnte so ein Festival im Zentrum von Kalamata gar als „Touristenattraktion“ unseren Ruf als Land verbessern helfen, nach all dem, was an Übergriffen hierzulande gegen Migranten inzwischen durch die Weltpresse gegangen ist.

 

Die schweigende Mehrheit, ohne Kenntnis und Bewusstsein der Geschichte

Nehmen wir aber einmal gutgläubig an, dass die zuständige Behörde davon ausgegangen war, es handele sich bei der Goldenen Morgendämmerung um eine der parlamentarisch repräsentierten Parteien des Landes, die ein Recht auf ihre Jahrestage hat. Es bleibt die Frage, ob und inwieweit der Diktator Ioannis Metaxas im historischen, gesellschaftlichen und politischen Bewusstsein der Beamten als eingeschworener Feind der Demokratie vermerkt ist. 

Obgleich die griechische Gesellschaft jede Gelegenheit nutzt, ihre demokratische Grundhaltung zu betonen, lehrt uns die politische Geschichte des Geburtslands der Demokratie, dass ein beachtlicher Prozentsatz der schweigenden Mehrheit nicht zu unterscheiden vermag, was genau Demokratie und was Diktatur ist. 

Was die Goldene Morgendämmerung ausmacht, muss nicht im Einzelnen erläutert werden, da sogar der griechische Ministerpräsident sie kürzlich als neonazistische Partei bezeichnet hat. Wie jedoch hat dieser rechtsextreme Auswuchs, dieses Ungetüm mit nazistischen Abweichungen, paganistischen Gepflogenheiten und kannibalischen Neigungen, es geschafft, als Helfer in gesellschaftlichen Notlagen sich Zugang zum Parlament zu verschaffen, als eine Partei, die in der Lage ist, sich der Unzufriedenheit, des Ärgers und Zorns einer breiteren Wählerschaft anzunehmen?

Diese „breitere“ Wählerschaft hat mehrheitlich weder eine bewusste Vorstellung von den Bestialitäten des Nationalsozialismus noch eine echtes Verhältnis zu den nicht verhandelbaren Prinzipien der Demokratie. Wie denn auch? Im Kontext von Klientelbeziehungen zwischen den beiden großen, regierungsfähigen Parteien und ihren Wählern – man sollte den Kopf wirklich nicht in den Sand stecken – kann diese Beziehung wenig mehr sein als der Refrain:„Wähle mich, dann bring ich dich im Staatsdienst unter/Ich wähle dich, dann bringst du mich im Staatsdienst unter“?

 

Recht auf Widerspruch und Gegenmeinung

Der Kraftprotz der Goldenen Morgendämmerung, der den „bösen“ Migranten zusammenschlägt, führt anschließend als „liebevoller Sohn“ die alte Dame untergehakt zum Bankschalter, wo sie ihre Rente abholt, um sie so – Hirngespinst oder nicht - vor dem Dieb dunkler Hautfarbe zu schützen: dies ist ein Bild, angesichts dessen die schweigende Mehrheit nicht fremdelt, sondern „berührt“ ist. Tief befriedigt ist sie auch von einem (meiner Meinung bedacht genutzten) ordinären, intoleranten und paranoiden Sprachstil. Man geht offenbar davon aus, dass dieser Stil das strapazierte und zugleich kraftmeierisch rachsüchtige Gemüt des unwissenden oder halbgebildeten Griechen von heute bis zum Anschlag anzuheizen imstande ist.

Als ob das alles nicht genug wäre, tritt dann auch der „im Auftrag“ einer systematischen Desorientierung werkelnde Schreiberling auf den Plan und beruft sich, professionell töricht deformiert kombinierend, auf die Theorie der beiden Extreme, die heute von ganz rechts und ganz links die Demokratie gefährden. Nur dass die extreme Linke, was auch immer der Schreiberling damit meint, unfähig ist – im Gegensatz zur innerparlamentarischen Goldenen Morgendämmerung -, mit der neugriechischen Vorstellungswelt zu kommunizieren und auch keinen Ehrgeiz besitzt, der Zügellosigkeit und Niederträchtigkeit des in Jahrzehnten entstandenen „Kollektiv“-Gemüts zu schmeicheln. Die „extreme“ Linke, um es anders zu sagen, prügelt weder den, der nicht dieselbe Hautfarbe hat, „in unserem Interesse“ zu Tode noch hat sie sich den Auftrag zu Eigen gemacht, das griechische Volk zu „retten“ und „regenerieren“, in dem es Schwache nach spartanischer Art „aussortiert“. Die extreme Linke wird von ihren Wählern nicht ins Parlament geschickt, um dort in aller Ruhe Putschpläne gegen die parlamentarische Demokratie auszuarbeiten. Sollte heute die gravierendste Bedrohung für unser Leben der schrittweise Umbau der Verfassung in einen Regelkodex für die Vorenthaltung von Rechten sein, ist es wirklich die Goldene Morgendämmerung, die gefährdet, was von der Demokratie übriggeblieben ist? Oder könnte es sein, dass dem über unsere Zukunft waltenden internationalen Finanzsystem eine Partei recht gut „dienlich“ wäre, die rundum lautstark diffamiert und ausgrenzt und im Ergebnis aufwands- und gefahrenarm sämtliche gesellschaftlichen Gegenreaktionen absorbieren könnte?

Bildet womöglich die nazistische Goldene Morgendämmerung im Grunde den Vortrupp einer für uns alle alptraumhaften Zukunft, jenseits von Memoranden und politischen Positionierungen, Ideologien und Parteien?

Insofern wir wirklich überzeugt sind, dass man, auch um den Preis des eigenen Lebens, unser und unserer Mitmenschen Anrecht auf Widerspruch und Gegenmeinung beschützen muss, sollten wir, solange noch Zeit dafür ist, dieser Partei untersagen, menschliche Grundrechte mit Füßen zu treten, die elementare Vernunft zu verhöhnen und diejenigen zu Tode zu schinden, die von ihr nach Gutdünken als Feinde ausgesucht und identifiziert werden, und das unter Berufung auf die Zugehörigkeit zum Parlament.

Übersetzung: Andrea Schellinger

Copyright: Maro Douka und Goethe-Institut Athen, Internetredaktion

Oktober 2013

 

Maro Douka ist eine der wichtigsten Autorinnen der modernen griechischen Literatur. Geboren 1947 in Chania/Kreta, war sie während der Militärjunta zeitweise inhaftiert. Ihre Romane sind mehrfach mit Preisen versehen, einige auch übersetzt worden, u.a. ins Deutsche (Die schwimmende Stadt, Suhrkamp 1991).

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  ΧΡΟΝΟΣ 06 (10.2013)